Am 11. und 12. Februar fand am Campus Baden der PH Niederösterreich wieder die Konferenz Inverted Classroom and beyond statt (siehe auch diese Medienaussendung). Eine Besonderheit ab der diesjährigen Ausgabe dieser über den deutschen Sprachraum hinaus anerkannten Konferenz: Es gibt nun ein gut aufgestelltes Organisationskomitee, das von mehreren Hochschulen mitgetragen wird. Es handelt sich dabei um den aktuellen Gastgeber, die PH Niederösterreich, die FH St. Pölten, die Universität Paderborn, der PH Nordwestschweiz FHNW, der HS Osnabrück und der Universität Duisburg-Essen in der Person von Josef Buchner.

Trotz Sturmtief Sabine hatten es an die 100 Personen bis nach Baden geschafft und hatten vielfältige Möglichkeiten, Details verschiedenster Beispiele für die Umsetzung des Inverted Classroom Modells (Anm.: der Begriff Flipped Classroom kann hier synonym verwendet werden) zu erleben sowie ebenso neue Ideen und Handlungsoptionen für dieses innovative didaktische Modell gemeinsam (weiter) zu entwickeln. Die Vielfalt der Beiträge, die nochmals deutlich zeigt, dass das ICM für alle Fachrichtungen und Formate von Lehrveranstaltungen wertvolle Impulse liefern kann, schlägt sich auch im Tagungsband (hier online) nieder.

Hier auch noch einige Bilder von der Konferenz.

Hier nun ein Einblick in einige Beiträge der Konferenz (Mitarbeit: C. Freisleben, C. Berger, W. Gruber, J. Buchner) // cc_by_icmbeyond20:


Flipped Learning braucht Assessment

Am Beginn stand eine Keynote mit der finnischen Flipped-Classroom Mathematiklehrerin Marika Toivola (hier die Aufzeichnung, sowie Marikas persönliche Zusammenfassung). Sie kritisierte zunächst eine leider nach wie vor viel zu oft tradierte Praxis, in der Lehrende ihren Lehrenden bei der Arbeit mehr oder weniger interessiert zusehen um dann zu einem gegeben Zeitpunkt auswendig gelerntes Wissen in einen Test auszukotzen (sie sagte „vomited“ und as meint genau das…). Summative Prüfungen seien hier oft die einzig eingesetzte Form und diese würde nur sehr bedingt zu nachhaltigen Lerneffekten beitragen. Sie bezog sich dann auf Analysen des renommierten Bildungsforschers John Hattie (mehr), der wie ie eine lernendenzentrierte Vorgangsweise einfordert.

Flipped Classroom hätte das Potential, die Atmosphäre in Klassenzimmern und Seminarräumen von Hochschulen transformieren zu können. Zwei wesentliche Faktoren sind dabei die Förderung von selbstständigem Lernen sowie die intensive Zusammenarbeit in Form von Peer Learning in Tandems, Triaden und Kleingruppen. Toivolas Beitrag ist dazu u. a., dass sie gemeinsam mit einer Kollegin zehn umfassende Lernunterlagen zu Mathematik als Open Educational Ressources produziert hat. Lernende werden dabei gefördert, in Lernprozessen stark selbstverantwortlich zu agieren – eingesetzt wird hier das englische Wort „ownership“ (eigentlich Eigentumsrecht), wobei dabei ebenso die gegenseitige Rückmeldung von Lernenden entscheidend wären („co regulation“), zu der auch u. a. das Überprüfen geleisteter Lernschritte gehört.

Toivola schließt sich der im Zusammenhang mit dem ICM immer wieder aufgegriffenen Forderung an, Prüfungen formativ, also als kontinuierlichen Lernprozess zu gestalten (siehe dazu diese Literatur von Black & William, 2009). Wobei eben Peer Assessment eine zentrale Rolle spielen müsste, eine Fähigkeit, die Lernende schrittweise weiterentwickeln können, auch als eine Schlüsselqualifikation, die im späteren Leben in allen Feldern sehr gefragt ist. Toivola setzt u. a. eine Variante ein, bei der sie fehlerhafte Antworten bei Tests ankreuzt, ohne sie zu korrigieren. Die Lernenden setzen dann ein Self-Assessment ein und müssen sich für ene Weise entscheiden, wie sie zu den korrekten Antworten kommen: Durch weitere Auseinandersetzung mit Arbeitsbüchern oder durch Zusammenarbeit mit anderen Lernenden. Daran schließen Einzelgespräche an, in denen die Lernenden ihre Wahl argumentieren und reflektieren sowie daraus nötige weitere Schritte ableiten.

Eine Philosophie, die in dieser Lernform wichtig ist, ist für Toivola das Growth Mindset (siehe dazu etwa diesen Beitrag, der auch Bezüge zu Mathematik hat), also einer Haltung, die u. a. geprägt ist von Offenheit, einem Mix aus gegenseitiger Unterstützung und Herausforderung sowie der Bereitschaft Risiken einzugehen im Sinn von sich auf bislang unbekannte Wissenterrains zu begeben.

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Vielfalt bei Vorbereitungsmaterialien

Josef Buchner (noch zu der Zeit im Zug sitzend), Karin Ginner und Christoph Hofbauer (PH NÖ) berichteten in ihren Beitrag über ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Vielfalt in Bezug auf Vorbereitungsmaterialien (siehe dazu hier). Sie arbeiten sowohl mit Texten als auch mit Videos, Podcasts, interaktiven Lernmitteln (H5p) und weiterführenden Links. Wichtig ist also verschiedene Formate zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig – wie die Autor*innen hier – untersuchen, wie diese in Anspruch genommen werden.

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Bildungsmythen debunked

Am zweiten Tag übernahm dankenswerter Weise spontan Elke Höfler die Keynote und beschäftigte sich in einer sehr interaktiven und dialogorientierten Form mit Bildungsmythen. Mythen beruhen oft auf Anekdoten „Ich kenn jemand, der_die jemand kennt, bei dem_der das so ist“. Die gesammelten Mythen von Elke Höfler und Josef Buchner finden sich hier https://digitalanalog.at/category/myths/ Hier nun einige Impressionen zu den Mythen:

Mythos 1: Spiele führen zu Gewalt: Hier wird fälschlicherweise von einem Ursache – Wirkung Schema ausgegangen, natürlich gibt es deutlich vielschichtigere Gründe, warum eine Person gewalttätig wird. Gleichzeitig können spielerische Herangehensweisen, egal ob digital oder analog, wertvolle Impulse für Lernprozesse liefern.

Mythos 2: „Lernende lesen nicht mehr“ – das stimmt so nicht, verändert haben sich die „Textsorten“, zu Büchern dazu kommen Blogs, Chats, SMS… Siehe etwa auch dazu diese Studie https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2018/

Mythos 3: Internet macht uns dümmer – dazu ein von Alicia Bankhofer getwitterter interessanter Meinungsbeitrag https://blogs.scientificamerican.com/observations/is-smart-technology-making-us-dumb/ Aus dem Saal: „Wir bewegen uns zu sehr in eigenen Bubbels“ – das machen „wir“ auch analog, dies gilt es zu reflektieren und immer wieder andere Quellen kritisch & selbstbewusst zu nutzen

Mythos 4: Wir sind Multitasker*innen, dazu interessanter Beitrag mit dem Fokus auf ständige Unterbrechungen von Arbeitsabläufen https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-1-4842-4221-6_9

Mythos 5: Das Internet gehört in die (Hoch)Schule, weil es in der Lebenswelt Kinder, Jugendlicher und Junger Erwachsenen omipräsenter Alltagsteil ist – diskutiert wurde hier, ob dies überhaupt eine Frage ist, da ja das Internet nicht vor den Türen einer (Hoch)Schule stehen bleibt. Gefragt sind Konzepte, Menschen dabei zu begleiten nicht nur mit verschiedensten Inhalten auf eine Weise umzugehen, die u. a. einem lebensbegleitenden Lernen zuträglich ist, sondern auch selbst zu Produzent*innen vielschichtiger Beiträge zu werden im Sinn einer Wissenschaftskommunikation.

Mythos 6. (Hoch)Schule bringt die Kreativität um – die Frage müsste wohl hier lauten, welche Beiträge (Hoch)Schule leisten kann um die Weiterentwicklung von Kreativität zu fördern, positive Beispiele gibt es dafür sehr viele.

Mythos 7: Es gibt verschiedene Lernstile. Dazu eome wunderschöne Antwort von Gottfried Csanyi TU Wien „Ja! Es gibt über sieben Milliarden Lerntypen“ Dazu noch ergänzend dieser von A. Bankhofer gefundene interessante englischsprachige Beitrag https://www.pearson.com.au/insights-and-news/supporting-students/learning-myth-1-everyone-has-a-set-learning-style/

Mythos 8: Es gibt sie, die „21st Century – Skills“. Jein. Denn Skills, wie sie etwa hier im Überblick beschrieben sind, sind nur bedingt „neu“ oder haben speziell mit dem 21. Jahrhundert zu tun. Gleichzeitig bleibt es wichtig solche Kompetenzen immer wieder zu formulieren, weiter zu entwickeln und bei der Planung von Curricula sowie einzelner Lehrveranstaltungen zu berücksichtigen.

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Scrollytelling in der Lehre

Scrollbasiertes Storytelling (kurz: Scrollytelling) ist seit etwa 2012 ein Trend in der visuellen Gestaltung sowohl im Bereich der Werbung als auch bei Informations- und Lernmaterialien (hier ein Beispiel zum Thema Wasser sparen http://everylastdrop.co.uk/). Text, Bild, Video, Audio und Animation spielen in einer vordefinierten Dramaturgie zusammen, folgend auch Prinzipien von Micro-Learning. Christin Heinze von der Folkwang Universität der Künste setzte diese Gestaltungsprinzipien für Lernmaterialien im Sinn des ICM für eine Lehrveranstaltung zu Responsive Webdesign um. Damit ergibt sich eine spannende Form der Aufbereitung von Inhalten, die alle Sinne anspricht. Sicher ein Feld, das es in Bezug der Gestaltung von Lernmaterialien weiter zu verfolgen gilt.

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E-Multiplikator*innen

Ein interessantes Angebot des Center for Teaching and Learning der Universität Wien ist jenes von E-Multiplikator*innen https://ctl.univie.ac.at/services-zur-qualitaet-von-studien/digitale-lehre/innovative-lehre-und-grosslehrveranstaltungen/#c384267 – auch als Beitrag in Richtung der Entwicklung / des Einsatzes von didaktischen Mustern.

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VR-Werkstatt

In der „Virtual Reality“ Werkstatt fiel der Vortag von Regina Bäck aus. Dafür stellte Hagen Schwanke von der Physik-Didaktik der Uni Würzburg sein Promotionsvorhaben vor. Sehr spannende AR-Inhalte für physikalische Phänomene, die Lernenden bei der Veranschaulichung helfen sollen, es geht um das Testen von Hypothesen mit und ohne AR sowie um didaktische Modelle, wie denn AR im Physik-Unterricht eingesetzt werden kann. Weitere Infos hier: https://www.physik.uni-wuerzburg.de/pid/physik-didaktik/augmented-reality/

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Die Vorentlastung von Schülerexperimenten im Flipped Classroom

Wolfgang Lutz von der Uni Würzburg berichtete von seinem Promotionsvorhaben im Bereich Flipped Classroom und Physik dargestellt. Es handelt sich dabei um ein sehr gut durchdachtes Forschungsvorhaben, dass tatsächlich Flipped Classroom längerfristig in vielen Schulklassen untersuchen wird. Die Videos beschreiben Versuchsabläufe bei Experimenten und die Schülerinnen und Schüler können dann im Unterricht sofort mit dem Experimentieren starten.

Flipped Classroom ist bekannter Weise eine Möglichkeit den Unterrichtsverlauf umzustrukturieren. Das von Lutz und und Thomas Trefzger zeigt, wie das Modell dabei hilft Unterrichtszeit effektiv zu nutzen und den SchülerInnen ein individuelles Tempo zu ermöglichen. Mittels, vorab zur Verfügung gestellten, Lernvideos wurden Informationen vermitteln, welche dann in Experimenten während des Unterrichts angewandt wurden. So konnten praktische Erfahrungen gesammelt werden und Zusammenhänge leichter dargestellt werden, da die Grundlagen bereits selbstständig erlernt wurden.  Dies führte nachweislich zu einem besseren Lernerfolg und effektiver genutzter Zeit während des Unterrichts.

Weitere Infos hier: https://www.physik.uni-wuerzburg.de/pid/physik-didaktik/forschungsthemen/

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Spielerischer Zugang zu Bildungsbiographien

Gottfried Csanyi TU Wien berichtete in seinem Beitrag von der Lehrveranstaltung „Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen“. Csanyi formulierte für diese kompetenzorientierte Learning Outcomes. Ein Schwerpunkt der LV ist die intensive Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Bildungsbiographien. Später wurde die LV auf Lernende aller Studienrichtungen der TU Wien ausgeweitet. Den Rahmen für den Lernprozess bildete nun ein Spiel: Die Figuren wandern über 69 Felder, die für konkrete Lebenssituationen von der Geburt bis zum PhD stehen. Die Teilnehmer*innen definieren diese Situationen und sagen deren Einfluss auf die zukünftigen Lernmöglichkeiten einer Spielfigur voraus – sie entwickeln also selbst Spielkarten. Die Grundlagen dafür sind subjektive Theorien, die anhand wissenschaftlicher Literatur in einer eigenständigen Lernform verifiziert oder modifiziert werden. Daraus resultieren Papers mit Situationsbeschreibung, Hypothesen, theoretischen Erklärungen und empirischen Belegen der vermuteten Wirkungen. Jeglicher Content kommt von den Studierenden. Csanyi liefert den Rahmen, die Aufgabenstellung und Feedback zu den Papers, wobei hier ebenso zwei Peer Feedbacks kommen. Umgestellt wurde auch der Prüfungsmodus auf eine formative Vorgangsweise.

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Möglichkeiten von Opencast für den Inverted Classroom

Gerald Stachl und Johann Trimmel von der PH Niederösterreich (A) erläuterten die Einsatzmöglichkeiten von Opencast, welches eine OpenSource Möglichkeit für die Abwicklung von Lehrveranstaltungsaufzeichnungen. Es wurde gezeigt, welche Bereiche durch die Software abgedeckt sind und die Anwendung am Beispiel der PH Niederösterreich mit festinstallierter Kamera (siehe Fotos) erklärt. Theoretisch wurden auch weitere Ergänzungen vorgestellt, die eine Integration in vorhandene Systeme (z-B- Moodle, LDAP,…) ermöglichen. Im praktischen Teil konnte man mit einem Testuser selbst die einfache Bedienung der Software testen und vorhandenes Material bearbeiten.

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SDGs goes digital – Digitale Inhalte in Lehrveranstaltungen zu Umweltbildung und Sustainable Development Goals verfügbar, diskutierbar machen

Angela Forstner-Ebhart und Susanne Aichinger von der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik ermöglichten einen Einblick in das mittels Padlet erstellte Model, welches digitale Inhalte zu den SDGs verfügbar macht. Neben weiterführenden Materialien und Diskussionsgrundlagen, sind auch Unterrichtsbausteine bereitgestellt, die sich auf einem weiteren Padlet befinden. Konkret wurden die Möglichkeiten der Bausteine in zwei Beispielen besprochen. Diese ermöglichen eine Wissensvermittlung unter anderem durch Learningsnacks und Mystery. Diese Game-Based Methoden ermöglichen ein selbstständiges Arbeiten mit aufbereiteten Unterlagen.

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Camtasia Workshop

In der Workshop Session der Bildungspunks präsentierte Carola Berger das Aufzeichnungs- und Schnittprogramm Camtasia. In Form einer kurzen Demonstration wurden die grundlegenden Funktionen der Software dargestellt und mit vorbereitetem Videomaterial konnte anschaulich erklärt werden, wo die Möglichkeiten von Camtasia liegen. Zum Höhepunkt des Workshops gabe es eine Verlosung und der Gewinner konnte sich über eine Jahreslizenz für Camtasia und Snagit freuen.

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Robotikum – Inverted Makerspace

Sabrina Zeaiter und Patrick Heinsch (siehe hier) präsentierten in ihrem Vortrag, wie sie Roboter in der Lehre einsetzen (Roboter = NAO). Einerseits werden sie als „buddys“ für Kinder verwendet und unterstützen die Kinder durch Anweisungen und Hilfestellungen und andererseits bekommen Jugendlichen die Möglichkeit selbst programmieren zu dürfen.

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Noch zwei Links:

Stefan Oppl https://www.slideshare.net/stefanoppl/icmb-2020-gitlab-zur-lerninhalterstellung

Augmented Reality Tool Zappar https://moodle.ruhr-uni-bochum.de/m/course/view.php?id=25270